Infektiologie & Hygiene
Immundefektsyndrome, primäre : Diagnose
Immundefektsyndrome, primäre
Definition
Angeborene, quantitative und/oder qualitative Defekte im Abwehrsystem, infolge von Störungen der Entwicklung bzw. Differenzierung immunkompetenter Zellen, v.a. der Stammzellen im Knochenmark, die zur Insuffizienz der humoralen und zellvermittelten Immunität führt.
Mangel an B-Lymphozyten: Störung der Antikörperbildung verbunden mit gesteigerter Empfänglichkeit insbesondere für bakterielle Infektionen.
Mangel an T-Lymphozyten: Insuffizienz der zellvermittelten Immunität mit Disposition für virale und einige bakterielle Infektionen und verminderter "immunologischer Überwachung" von maligne entarteten Körperzellen.
Häufigkeit
Sämtliche Defekte 1:400, IgA-Mangel mit Inzidenz von 1:500 am häufigsten
Überwiegender Defekt der Antikörperbildung
(B-Zell-Defekte)
- infantile x-chromosomal vererbte Agammaglobulinämie Typ Bruton (ab 6. Lebensmonat Fehlen von IgA und IgM, IgG < 200 mg/dl)
- autosomal-rezessiv vererbte Agammaglobulinämie (IgG und IgA vermindert)
- Infantile transitorische Hypogammaglobulinämie (Verzögerung der Eigenproduktion von IgG nach Abklingen der mütterlichen Leihimmunität; oft in Familien mit anderen Immundefekten)
- Allgemeine variable Hypogammaglobulinämie (Beginn meist im 2.-3. Lebensjahrzehnt, variable Defekte und Vererbung)
- Selektiver IgA-Mangel
- sonstige seltene Defekte: Nicht x-chromosomales Hyper-IgM-Syndrom, Leichtkettenmangel, Schwerketten-Gendeletion, selektiver IgG-Subklassenmangel (mit oder ohne IgA-Mangel)
Überwiegender Defekt der T-Zell-vermittelten Immunität
- SCID (severe combined immunodeficiency = schwerer kombinierter Immundefekt); x-chromosomal oder autosomal rezessiv erblicher, kombinierter primärer Immundefekt mit Insuffizienz der humoralen (B-Zell-) und zellvermittelten (T-Zell-) Immunität infolge eines Defekts der T-Lymphozyten
Formen:
- Retikuläre Dysgenesie: schwerste Form ohne B- und T-Lymphozyten sowie gestörtem hämatopoetischem System
- SCID ohne B- und T- Lymphozyten mit normaler Hämatopoese
- SCID mit vorhandenen B-Lymphozyten (Schweizer Typ)
- SCID mit Adenosindesaminasemangel und Purinnukleosidphosphorylasemangel
- SCID mit defekter Expression von MHC-Klasse-I/II-Genprodukten
- SCID mit defekter Expression des TCR-CD3-Komplexes bzw. defekter Interleukinbildung
| Vereinfachte Klassifikation der Immundefektzustände nach Empfehlung der WHO) |
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Bezeichnung
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Befund
Immunglobuline (Serum) |
Zirkulierende
B-Lymphozyten |
Zirkulierende
T-Lymphozyten |
Immundefekt
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| Überwiegender Defekt der Antikörperbildung | ||||
| infantile x-chromosomal vererbte Agammaglobulinämie |
ß
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ß
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n
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B-Zell-Reifung |
| autosomal-rezessiv vererbte Agammaglobulinämie |
ß
|
ß
|
n
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B-Zell-Reifung |
| Hypogammaglobulinämie mit vermehrter Bildung von IgM |
¯
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¯
|
n
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B-Zell-Reifung |
| IgA-Mangel |
¯ (IgA)
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n
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IgA-produzierende B-Zelle |
| vorübergehende Hypogammaglobulinämie im Kindesalter |
¯
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n
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n
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B-Zell-Reifung |
| Hypogammaglobulinämie mit Thymom |
ß
|
n
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ß (TH)
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unbekannt |
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Überwiegender Defekt der T-Zell-vermittelten Immunität |
||||
| kombinierter Immundefekt |
n - ß
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n
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ß
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vermutlich T-Zell-Reifung |
| SCID (severe combined immunodeficiency) bei Adenosindesaminasemangel |
ß
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ß
|
ß
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Schädigung von T- und B-Zellen durch toxische Metabolite (Enzymdefekt) |
| SCID |
ß
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¯
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ß
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T- und B-Zell-Reifung |
| SCID (Schweizer Typ) |
ß
|
ß
|
ß
|
T- und B-Zell-Reifung |
| SCID mit Panmyelopathie |
ß
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ß
|
ß
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Stammzelle |
| Wiskott-Aldrich-Syndrom (Immundefekt, Thrombozytopenie, Ekzem) |
¯
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n
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ß
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Membrandefekt hämatopoetischer Stammzellen |
| Ataxia teleangiectasia |
¯
|
n
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ß
|
unbekannt |
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Variable Immundefektzustände (common variable immundeficiency) |
||||
| überwiegend B-Zell-Defekt |
ß
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n - ß
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n - ß
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B-Zell-Reifung |
| überwiegend T-Zell-Defekt |
ß
|
n
|
n - ß
|
T-Zell-Reifung |
|
n
|
normale Serumkonzentration aller Immunglobulinklassen und/oder normale Zahl zirkulierender B- bzw. T-Lymphozyten |
|
ß
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verminderte Serumkonzentration aller Immunglobulinklassen und/oder normale Zahl zirkulierender B- bzw. T-Lymphozyten |
|
¯
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verminderte Serumkonzentration einzelner Immunglobulinklassen bzw. verminderte Zahl von B-Lymphozyten, die bestimmte Antikörperklassen bilden (z.B. von IgG-produzierenden B-Zellen |
Immundefekte verbunden mit anderen Störungen, z.B.
- mit Chromosomopathien,
- metabolischen Störungen,
- Zinkmangel und
- verschiedenen Syndromen
Phagozytendefekte
- quantitative Defekte: schwere angeborene Neutopenie, zyklische Neutropenie (Granulozytenabfall in ca. 3wöchigem Rhythmus).
- qualitative Defekte: Störungen verschiedenster Funktionen (Motilität, Chemotaxis, Adhärenz, Endozytose, intrazelluläre Verdauung), z.B. septische Granulomatose, Chediak-Higashi-Syndrom (assoziiert mit Albinismus), Shwachman-Syndrom (assoziiert mit Pankreasinsuffizienz); autosomal rezessiv oder x-chromosomal erblich
Komplementdefekte
Quantitative oder qualitative Defekte bei den meisten Komplementfaktoren bekannt
Pathogenese
- Molekulargenetische Ursache bei den meisten Krankheitsbildern bereits aufgeklärt (meist Mutationen, selten Deletionen, defekte Transskription)
- Bekannte Primärdefekte sind strukturelle Veränderungen (z.B. an Ig-Ketten, Komplementfaktoren), Enzymmangel (z.B. ADA-Mangel, Myeloperoxidasemangel), Rezeptor- und Ligandendefekte, Differenzierungsstörungen von Abwehrzellen u.a.
Anamnese
- Familienanamnese (Stammbaum!)
- Beginn der Symptomatik (B-Zell-Defekte nach 6.-8. Lebensmonat, T-Zell-Defekte oft ab Neugeborenenalter)
- Bisherige Symptome (z. B. Infektionen, Fieber unklarer Genese, Diarrhoe, Gedeihstörung, Ekzeme etc.)
Symptome
B-Zell-Defekte
- Bakterielle Infektionen, vor allem mit bekapselten Erregern (Pneumokokken, Meningokokken, H. influenzae etc.) und Staphylokokkus aureus im HNO-, pulmonalen, gastrointestinalen und epidermalen Bereich; außerdem Meningitis, Sepsis
- Polio-Impfenzephalitis (vor allem bei Agammaglobulinämie Bruton)
- Autoimmunerkrankungen (vor allem bei IgA-Mangel, variablen B-Zell-Defekten, Agammaglobulinämie Bruton)
- Atopie (vor allem bei IgA-Mangel)
- Manchmal Lymphadenopathie, Hepatosplenomegalie
T-Zell-Defekte
- Schwere Verlaufsformen und/oder Erregerpersistenz bei viralen Infektionen (vor allem mit Viren der Herpesgruppe)
- Pilzinfektionen, lokal oder systemisch (z. B. mit Candida, Kryptokokken, Aspergillen)
- Protozoen-Infektionen (z. B. mit Pneumocystis carinii, Toxoplasma gondii)
- Infektionen mit Bakterien, die sich intrazellulär vermehren (z. B. TBC, Listerien), BCG-itis
Kombinierte T- und B-Zell-Defekte
- Infektionen wie oben
- Weitere häufige Symptome: Dystrophie, therapieresistente Diarrhoe, Ekzeme
Komplementdefekte
- Rezidivierende bakterielle Infektionen, vor allem mit Pneumokokken und Meningokokken
Phagozytendefekte
- Bakterielle Infektionen, vor allem mit Staphylokokkus aureus und Mykobakterien
- Pilzinfektionen, vor allem mit Candida und Aspergillus Species
Leitsymptome primärer Immundefekte
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1.
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acht oder mehr eitrige Otitiden pro Jahr |
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2.
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zwei oder mehr schwere Sinusitiden pro Jahr |
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3.
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zwei oder mehr Pneumonien innerhalb eines Jahres |
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4.
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antibiotische Therapie über 2 oder mehr Monate ohne Effekt |
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5.
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Impfkomplikationen bei Lebendimpfungen |
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6.
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Gedeihstörungen im Säuglingsalter mit und ohne chronischen Durchfällen |
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7.
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rezidivierende tiefe Haut- oder Organabszesse |
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8.
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persistierende Candidainfektionen an Haut oder Schleimhaut jenseits des 1. Lebensjahres |
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9.
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zwei oder mehr viszerale Infektionen (Meningitis, Zellulitis, Osteomyelitis, septische Arthritis, Empyem, Sepsis |
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10.
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rezidivierende Infektionen mit atypischen Mykobakterien |
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11.
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akute oder chronische Graft-versus-host-Reaktion |
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12.
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positive Familienanamnese für angeborene Immundefekte |
Literatur: WAHN,V.: Differentialdiagnose kindlicher Immundefekte, pädiatrische praxis 55-79 (1998)
Diagnostik
Eingehende klinische Untersuchung
- Haut, Schleimhaut, Lymphknotenstatus, HNO-System, Pulmo, Bauchorgane etc.
Allgemeine Labordiagnostik
- Großes Blutbild, BKS, CRP, Serumelektrophorese, Eisen, Transaminasen, Urinstatus, Abstriche von Infektionsherden u. a. je nach Fragestellung
Spezielle Labordiagnostik
- Blutbild, Differentialblutbild, Immunglobuline im Serum, Spezifische Antikörper, Oberflächenmarker, Hautteste, Lymphozytentransformationstest (LTT) Untersuchung des Komplementsystems etc.entrpechend der Verdachtsdiagnose
Pränatale Diagnostik bei hereditären Erkrankungen
- Bei bekannter Familienanamnese viele molekularbiologische und immunchemische Untersuchungsmethoden an fetalem Material (Chorionzotten-Biopsie, zytogenetische und enzymatische Analysen, DNS-Analysen an Fruchtwasser oder fetalem Blut etc.)
Differentialdiagnose
- Sekundäre Immundefekte (z. B. Antikörpermangel durch renalen oder intestinalen Eiweißverlust, Fehlernährung, Verdrängung des Knochenmarks durch Malignome, Chemo- und Radiotherapie, Zustand nach Splenektomie, AIDS und andere Infektionen etc.)
- Bei gehäuften respiratorischen Infekten: Mukoviszidose, Bronchus- und Trachealstenose, ösophagotracheale Fistel, Fremdkörperaspiration, Ziliendysfunktion etc.
- Bei rezidivierenden Meningitiden: Durafistel, Dermalsinus mit Verbindung zum Liquorraum etc.
Prognose
Unterschiedlich; schlecht vor allem bei schweren T-Zell-Defekten und manchen Phagozytendefekten, wenn keine Knochenmarkstransplantation möglich ist
Merke:
An Immundefekt denken bei
- Rezidivierenden schweren Infektionen mit Komplikationen (z. B. Bronchiektasen, Mastoiditis, multifokale Osteomyelitis)
- Ungewöhnlichem Erregerspektrum (z. B. Pneumocystis carinii, chronische mukokutane Candidiasis etc.)
- Ungewöhnlichen Komplikationen nach Lebendimpfungen (z. B. BCG-itis, Vakzinia, Polio-Impfenzephalitis etc.)
- Familiärer Häufung von gravierenden Infektionsproblemen
Cave: Lebendimpfungen bei T-Zell-Defekten kontraindiziert!
Letztes Update:25 Mai, 2011 - 13:03








